Zweite Führungsebene im Handwerk aufbauen – ab wann braucht dein Betrieb Führungskräfte?

Fachartikel für Handwerksunternehmer und mittelständische Unternehmer
Autor: Michael Bandt, Unternehmer-Helden
Lesezeit: ca. 9 Minuten


Zweite Führungsebene im Handwerk aufbauen – ab wann braucht dein Betrieb Führungskräfte?

Viele Handwerksunternehmen wachsen über Jahre erfolgreich.

Aus fünf Mitarbeitern werden zehn. Aus zehn werden zwanzig. Die Zahl der Baustellen steigt, der Umsatz wächst und die Anforderungen an die Organisation nehmen zu.

Nur eine Sache verändert sich häufig nicht:

Der Unternehmer bleibt die zentrale Führungskraft für nahezu alle Mitarbeiter.

Das kann lange funktionieren. Doch irgendwann erreicht ein Betrieb einen Punkt, an dem der Unternehmer nicht mehr jeden Mitarbeiter persönlich führen und gleichzeitig das Unternehmen entwickeln kann.

Dann wird eine zweite Führungsebene notwendig.

Nicht die Mitarbeiterzahl allein entscheidet

Es gibt keine feste Grenze, ab der jeder Handwerksbetrieb einen Betriebsleiter, Projektleiter oder eine andere Führungsebene benötigt.
Entscheidend ist die Komplexität.

Ein Betrieb mit zwölf Mitarbeitern und vielen parallelen Projekten kann bereits erhebliche Führungsprobleme haben.

Ein anderer Betrieb mit 20 Mitarbeitern und klaren Abläufen funktioniert möglicherweise noch mit einer relativ schlanken Führungsstruktur.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht:

Wie viele Mitarbeiter habe ich?

Sondern:

Wie viel Führung läuft heute ausschließlich über mich?


Typische Anzeichen für eine fehlende Führungsebene

Einige Symptome treten in wachsenden Handwerksunternehmen besonders häufig auf:

  • Mitarbeiter wenden sich mit nahezu allen Problemen direkt an den Inhaber.
  • Der Unternehmer führt mehr Mitarbeiter, als er sinnvoll begleiten kann.
  • Projekt- oder Bauleiter koordinieren zwar Arbeit, führen aber kaum Mitarbeiter.
  • Personalgespräche werden verschoben.
  • Konflikte landen automatisch beim Chef.
  • Strategische Themen bleiben liegen.
  • Entscheidungen verzögern sich bei Abwesenheit des Unternehmers.
  • Der Unternehmer verbringt einen großen Teil seines Tages mit Koordination.

Dann fehlt häufig keine zusätzliche Arbeitskraft.

Es fehlt Führungskapazität.


Warum gute Fachkräfte nicht automatisch gute Führungskräfte sind

Ein häufiger Fehler besteht darin, den besten Fachmann zur Führungskraft zu machen.

Das ist nachvollziehbar.

  • Der beste Monteur wird Obermonteur.
  • Der erfahrenste Bauleiter übernimmt Mitarbeiter.
  • Der technisch stärkste Projektleiter bekommt Führungsverantwortung.


Fachliche Kompetenz ist wichtig. Führung verlangt jedoch zusätzliche Fähigkeiten.

Eine Führungskraft muss Erwartungen formulieren, Entscheidungen treffen, Mitarbeiter entwickeln, Konflikte lösen, Ergebnisse kontrollieren und Verantwortung übernehmen können.

Deshalb sollte die Auswahl einer Führungskraft nicht ausschließlich nach fachlicher Leistung erfolgen.


Was eine zweite Führungsebene tatsächlich übernehmen muss

Eine Führungskraft entlastet den Unternehmer nicht dadurch, dass sie einen neuen Titel erhält.

Sie braucht einen klar definierten Verantwortungsbereich.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Mitarbeiterführung
  • operative Entscheidungen
  • Ergebnisverantwortung
  • Kontrolle definierter Kennzahlen
  • Problemlösung innerhalb vereinbarter Grenzen
  • regelmäßige Berichterstattung

Damit entsteht eine echte Führungsebene zwischen Unternehmer und operativer Mannschaft.


Führung braucht Entscheidungsbefugnisse

Eine Führungskraft, die für jede wichtige Entscheidung den Unternehmer fragen muss, ist keine echte Führungskraft.

Deshalb müssen Verantwortungsbereich und Entscheidungsbefugnisse zusammenpassen.

  • Welche finanziellen Entscheidungen darf sie treffen?
  • Welche Personalfragen darf sie entscheiden?
  • Welche Kundenprobleme darf sie selbst lösen?
  • Wann muss sie den Unternehmer einbeziehen?

Je klarer diese Grenzen sind, desto besser kann Führung funktionieren.


Ein Beispiel aus dem Handwerk

Ein Handwerksbetrieb beschäftigt 26 Mitarbeiter.

Es gibt drei erfahrene Projektleiter.

Trotzdem wenden sich Mitarbeiter bei Konflikten, Terminproblemen oder schwierigen Kundenfragen direkt an den Unternehmer.

Der Unternehmer versucht zunächst, seine Projektleiter stärker einzubinden.

Das verändert wenig.

Erst als jedem Projektleiter ein klarer Verantwortungsbereich mit Mitarbeitern, Ergebnissen und Entscheidungsbefugnissen übertragen wird, entsteht tatsächlich eine zweite Führungsebene.

Die Veränderung besteht also nicht in neuen Stellenbezeichnungen.

Sie besteht in einer neuen Unternehmensarchitektur.


Die Rolle des Unternehmers verändert sich

Eine zweite Führungsebene funktioniert nur, wenn auch der Unternehmer seine Rolle verändert.

Er darf Entscheidungen, die er übertragen hat, nicht permanent wieder an sich ziehen.

Und er muss akzeptieren, dass eine Führungskraft innerhalb ihres Verantwortungsbereichs möglicherweise anders entscheidet als er selbst.

Das ist für viele Unternehmer ein wichtiger Entwicklungsschritt.


Fazit

Eine zweite Führungsebene wird notwendig, wenn die Führungskapazität des Unternehmers zum Engpass des Unternehmens wird.

Sie entsteht nicht durch Titel.

Sie entsteht durch klare Verantwortungsbereiche, Entscheidungsbefugnisse und Ergebnisverantwortung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Welche Führungsaufgaben müssen heute nicht mehr zwingend bei dir liegen?

Der Unternehmer-Freiheits-Check hilft dir dabei, strukturelle Abhängigkeiten und Führungsengpässe in deinem Unternehmen sichtbar zu machen.
Denn ein Unternehmen kann nur dann unabhängiger von seinem Inhaber werden, wenn auch Führung auf mehrere Schultern verteilt wird.

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